Nachlese zum VISIBLE+ Dialog am 20.10.

Wie gelingt gute Arbeit mit chronischen Erkrankungen und nicht sichtbaren Beeinträchtigungen? 

Chronische Erkrankungen und nicht sichtbare Beeinträchtigungen gehören für viele Menschen zum Arbeitsalltag. Dennoch fehlt es häufig an Wissen, klaren Zuständigkeiten und einer guten Verzahnung von Gesundheitsversorgung, Sozialversicherung und betrieblicher Praxis.  

Mit dem ersten VISIBLE+ Dialog am 20. Oktober 2026 ist es gelungen, die unterschiedlichen Perspektiven auf diese Herausforderungen sichtbar zu machen und einen guten Dialog zu starten.  

Es wurde deutlich, dass viele gute Ansätze bereits existieren, jedoch häufig innerhalb einzelner Systeme und Bereiche. Eine stärkere Vernetzung der Akteure und ein sektorübergreifender Austausch sind notwendig, um Betroffene wirksam und langfristig zu unterstützen. 

Genau hier setzt das Aktionsbündnis VISIBLE+ an. Es möchte Akteure zusammenbringen, Wissen bündeln und dazu beitragen, Prozesse und Unterstützungsangebote besser miteinander zu verzahnen, damit Betroffene dauerhaft am Arbeitsleben teilhaben können. 

Arbeitsfähigkeit erhalten statt Krankheit verwalten 

Wie wichtig passgenaue Unterstützungsangebote, Arbeitsbedingungen sowie eine offene Unternehmenskultur für langfristige Teilhabe, der von chronischen Erkrankungen Betroffenen sind, zeigte Prof. Dr. Mathilde Niehaus von der Universität zu Köln in ihrem Impuls. Die von ihr vorgestellten Projekte AmiChro und ChronMA bieten dafür bereits heute konkrete Orientierung und praktische Unterstützung für Betroffene und Unternehmen im Umgang mit chronischen Erkrankungen im Arbeitsalltag. 

Unternehmen handeln – oft noch ohne strategischen Rahmen 

Welche Unterstützungsangebote Unternehmen bereits geschaffen haben und wo weiterhin Handlungsbedarf besteht, zeigte Tim Kaltenborn von myAbility auf. 

Die ersten Ergebnisse aus der Unternehmensbefragung, die VISIBLE+ in den letzten Monaten durchgeführt hat, zeigen deutlichen Handlungsbedarf. 

In vielen Unternehmen werden bereits Maßnahmen zur Unterstützung von Beschäftigten mit chronischen Erkrankungen umgesetzt. Diese bleiben  häufig punktuell und sind nur selten Teil einer umfassenden Strategie. Klare Zuständigkeiten, ausreichende Ressourcen und systematische Strukturen fehlen vielerorts noch. 

Ein zentrales Fazit der Befragung daher: "Früher unterstützen, bevor Menschen länger ausfallen. Einfacher Zuständigkeiten klären und Hilfe besser verbinden. Länger begleiten, solange Unterstützung gebraucht wird." 

Drei Perspektiven auf den Handlungsbedarf 

Beiträge aus Sozialversicherung, Unternehmenspraxis und Betroffenenvertretung machten zugleich die Komplexität des Themas deutlich. 

Dr. Marco Streibelt (DRV Bund) betonte die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Rehabilitation, Betrieben und Betroffenen. Damit medizinische und berufliche Rehabilitation erfolgreich sein können, brauche es die frühzeitige Einbindung der Arbeitgeber*innen, gegenseitiges Vertrauen und eine Kommunikation auf Augenhöhe. Herausforderungen entstünden dabei häufig durch Unsicherheiten auf Seiten der Unternehmen ebenso wie durch die Sorge Betroffener vor Stigmatisierung oder Benachteiligung. 

Olaf Guttzeit (UnternehmensForum) hob hervor, dass die Sicherung von Beschäftigungsfähigkeit sowohl aus menschlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht von großer Bedeutung ist. Unternehmen verfügten bereits über zahlreiche Instrumente der Prävention und Unterstützung. Entscheidend sei jedoch, diese frühzeitig, unbürokratisch und praxisnah zugänglich zu machen. Als zentrale Voraussetzungen nannte er Vertrauen, eine inklusive Unternehmenskultur sowie eine bessere Zusammenarbeit der beteiligten Akteur*innen. 

Dr. Martin Danner (BAG SELBSTHILFE) lenkte den Blick auf die Erfahrungen von Menschen mit chronischen Erkrankungen und nicht sichtbaren Beeinträchtigungen. Er machte deutlich, dass viele Betroffene täglich vor der Entscheidung stehen, ob sie ihre Erkrankung am Arbeitsplatz offenlegen oder nicht. Voraussetzung für Offenheit und Unterstützung sei ein vertrauensvolles Betriebsklima. Gleichzeitig warb er dafür, chronische Erkrankungen nicht ausschließlich als Einschränkung zu betrachten, sondern auch die Kompetenzen, Erfahrungen und Problemlösungsfähigkeiten der Betroffenen stärker in den Blick zu nehmen. 

Warum es VISIBLE+ braucht 

Der erste VISIBLE+ Dialog hat gezeigt, dass bereits viel Engagement, Expertise und gute Praxisbeispiele vorhanden sind. Gleichzeitig sind Austausch, Vernetzung und gemeinsames Handeln notwendig, um die Arbeitsfähigkeit von Menschen mit chronischen Erkrankungen und nicht sichtbaren Beeinträchtigungen langfristig zu sichern. 

Das Aktionsbündnis VISIBLE+ bringt dafür Akteure aus Gesundheitsversorgung, Rehabilitation, Sozialversicherung, betrieblicher Praxis, Wissenschaft, Selbsthilfe und Politik zusammen, bündelt Wissen und schafft Raum für sektorübergreifenden Dialog.

Die Moderation des VISIBLE+ Dialogs übernahm Rebecka Heinz von dem Loud & Clear Institut. Für die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung danken wir Boehringer Ingelheim, Novo Nordisk und dem BV BFW. 

Drei Perspektiven

Im Rahmen des VISIBLE+ Dialogs haben Dr. Marco Streibelt (DRV Bund), Olaf Guttzeit (UnternehmensForum) und Dr. Martin Danner (DAG Selbsthilfe) ihre Perspektive in jeweils einem Plädoyer eingebracht. Diese stehen im Folgenden als Download zur Verfügung.